Interview Mobile Commerce: Wocheneinkauf adé
Digitale und analoge Welt verschmelzen zusehends, und das Mobiltelefon ist einer der entscheidenden Treiber dieser Entwicklung. Die Verbreitung von Smartphones und anderen tragbaren internetfähigen Geräten leistet auch dem Mobile Commerce – dem Einkauf über mobile Endgeräte – Vorschub. Der marketingshop blog hat mit Thomas Hörner, Experte für Mobile Commerce, über den mobilen Einkauf gesprochen.
marketingshop.de: Mobile Commerce steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Was sind die Hürden, denen sich der Handel über das Handy noch gegenübersieht?
Thomas Hörner: Ein großes Problem ist das Fehlen etablierter Bezahlverfahren im Mobile Commerce. Keines der existierenden Verfahren erfüllt bisher alle drei notwendigen Kriterien für eine Marktdurchdringung: Usability, Vertrauen in die Sicherheit und Verbreitung. Erst wenn sich aus der großen Vielzahl am Markt befindlicher Bezahlverfahren einige herauskristallisiert haben, die einfach benutzbar sind, denen Konsumenten Vertrauen entgegen bringen und die bei einer größeren Zahl von Händlern im Einsatz sind – erst dann kann im Mobile Commerce der direkte Verkauf per Mobiltelefon die breite Masse erreichen.
Aber auch auf Händlerseite gibt es noch Hindernisse: Das Verständnis dafür, wie Kaufen und Verkaufen im Mobile Commerce funktionieren, ist noch eher gering. Die Entwicklung wirklich guter und zum Medium passender Anwendungen ist dringend geboten.
marketingshop.de: Websitebetreiber passen ihre Seiten für die mobile Darstellung oft vor allem im Format an, vermitteln aber die gleichen Inhalte wie im Web. Ist das im Mobile Commerce auch zu beobachten? Und vor allem: Kann das funktionieren?
Thomas Hörner: Ja, leider ist das oft zu beobachten. Und nein, es kann nicht wirklich zu einem durchgreifenden Erfolg führen.
Erinnern Sie sich noch an die Anfangszeiten des Internet? Viele Internetauftritte waren fast eins-zu-eins die gedruckte Firmenbroschüre, nur eben am Bildschirm. Dass Online anders funktioniert als Print haben Unternehmen erst mit der Zeit gelernt.
Ähnliches passiert derzeit im Mobile Commerce. Unternehmen geben sich damit zufrieden, dass bestehende Internet-Websites auch auf Mobiltelefonen optimiert sind. Oder man verlässt sich auf rein technische Lösungen, z.B. Standard-Plugins für die Webshop-Software.
Die Tatsache, dass das Nutzungsverhalten im mobilen Internet aber ganz anders ist als im klassischen Internet wird oft nicht berücksichtigt: Käufer agieren mobil anders im Web als am PC.
Onlinehändler müssen also wieder einmal neu lernen. Sie müssen sich mit Bedürfnissen, Nutzungsszenarien und dem Einfluss des mobilen Internet auf den Kaufprozess beschäftigen und geeignete Angebote entwickeln. Wer das in der jetzt noch frühen Phase des Mobile Commerce schafft, wird zu den Gewinnern zählen.
marketingshop.de: Derzeit werden im Mobile Commerce noch vor allem digitale Produkte – Apps, Klingeltöne usw. – gekauft. Für welche anderen Produkte sehen Sie in Zukunft gute Chancen im Vertrieb über das Handy?
Thomas Hörner: Digitale Produkte haben den riesigen Vorteil, sofort aufgeliefert werden zu können. Das gilt für Briefmarken (Handy Porto der Deutschen Post), Fahrscheine (z.B. im Taxi zum Bahnhof ein Handy-Ticket der Bahn kaufen) oder auch Konzerttickets.
Im Prinzip kann aber jedes Produkt, das sich über das klassische Internet verkaufen lässt, auch über Mobile Commerce vertrieben werden. Die Frage ist nur, welche Rolle das Mobiltelefon beim jeweiligen Produkt im Verkaufsprozess spielt.
Ein Beispiel: Denken Sie an eine gedruckte Werbeanzeige in einer Zeitschrift. Weckt diese Interesse beim Konsumenten, sitzt er oft gerade in Cafe, Garten oder Zug– selten aber am PC oder direkt im Laden. Und bis er am PC ist, ist das Interesse geschwunden oder die Anzeige längst vergessen.
Durch die Verbindung von Zeitschriftenanzeigen und Mobile Commerce kann das Konsumenteninteresse sofort und ortsunabhängig befriedigt werden. Der Konsument kann sich jederzeit informieren und sofort zur Bestellung geführt werden. Der POS (Point of Sale) ist also überall, selbst auf der grünen Wiese.
Analoges gilt übrigens auch für Plakatwerbung, Mailings per Post, Kataloge, ja sogar für Internetseiten: eine Verbindung mit mobilem Internet steigert Werbeeffizienz und Werbeerinnerung und fördert Spontankäufe.
Ein zweites Beispiel wären Kundenempfehlungen. Wie oft empfehlen Marion, Sandra oder Jenny einer guten Freundin ein Buch oder ein Wohnungsaccessoire bei einem Cappuccino im Cafe. Nichts ist besser, als jetzt sofort die Leseprobe, ein Bild oder ein Video abrufen und unmittelbar via Mobile Commerce bestellen zu können.
Ganz wichtig ist Mobile Commerce aber gerade für stationäre Ladengeschäfte. Das Suchen nach Läden, die ein bestimmtes Produkt anbieten, findet immer öfter mit Mobiltelefonen statt. Angebote wie Aloqa, Qype oder Wikitude bieten schon jetzt solche Services. Die gute Listung in solchen „Laden-in-der-Nähe-Suchen“-Services ist die neue 1A-Lage für Ladengeschäfte.
marketingshop.de: Was gilt es für Unternehmen beim Eintritt in den Mobile Commerce zu beachten?
Thomas Hörner: Konzentrieren Sie sich nicht nur auf den umfassenden, mobilen Webshop. Wichtiger sind im Mobile Commerce Spontankäufe, situationsspezifische Käufe und der Versuch, sich im Leben des Konsumenten dauerhaft zu verankern.
Fragen Sie sich, wann und wo Kunden auf Ihre Produkte aufmerksam werden. Und erforschen Sie, wann, wo und wie Kunden Ihre Produkte verwenden. Alle diese Punkte sind Anker, an denen Sie sich einklinken können – denn das Mobiltelefon ist in den meisten Fällen in diesen Situationen mit dabei.
Ein Beispiel kann die Bild-für-Bild-Anleitung für den Messerwechsel des Rasenmähers sein. Natürlich mit direkter Bestellmöglichkeit für neue Ersatzmesser und andere hilfreiche Gartenartikel. Oder es ist die kurze Leseprobe mit Kundenrezensionen für das Buch, das die gute Freundin gerade im Cafe empfohlen hat. Oder Videoanleitungen für Skateboard-Tricks inklusive der Bestellmöglichkeit für T-Shirts, Ersatzrollen oder Brettern in den neuesten coolen Designs.
Ansonsten: denken Sie an die Vielfalt der Bildschirmgrößen und genutzten Technologien. Berücksichtigen Sie bei der Gestaltung von Mobile Commerce Website oder App eine einfache Bedienbarkeit auf kleinen Tasten oder bei Sonneneinstrahlung. Und denken Sie – ganz wichtig – immer daran, dass Sie dem Kunden einen Mehrwert bieten müssen.
marketingshop.de: Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht unsere Einkaufswelt in zehn Jahren aus?
Thomas Hörner: Erstens: Kaufen wird kein dezidierter Vorgang mehr sein. Die Zeiten, in denen Einkaufen mit einem Ladenbesuch oder der Anwesenheit vor einem Internet-PC verbunden war, sind vorbei. Kaufen wird dank Mobile Commerce überall stattfinden.
Die Einfachheit, aufkommenden Bedarf jederzeit und überall zu befriedigen wird uns selbstverständlich. Die Zahl an Bestellvorgängen wird damit durch Mobile Commerce weiter steigen. Bestellungen werden aber oft aus nur einem einzelnen Produkt bestehen. Die Wochen-Einkaufsliste für den großen Samstagseinkauf gehört jetzt erst recht der Vergangenheit an. Kaufen ist immer hier und jetzt.
Zweitens: die Informationshoheit der Händler ist gebrochen. Wir fotografieren einfach eine Packung im Ladenregal und sehen die Öko-Beurteilung des Produkts, wissen dessen Preise im Internet und im Laden eine Straße weiter, wir sehen ein Video aus dem Produktionsbetrieb in Asien oder bekommen passende Rezepte und Benutzungsanleitungen. Im Modeladen zeigt uns das Handy als virtuelle Umkleidekabine sofort ein Bild von uns selbst mit dem Kleid direkt vor uns im Kleiderständer.
Und Drittens, auch wenn es im ersten Moment etwas wenig innovativ klingt: durch die große Transparenz bei Produkten und Preisen spielt die alte Tugend des Kundenservice eine immer wichtigere Rolle. Kunden wollen Produkte, Händler und Hersteller, die sie im Leben begleiten, ihnen hilfreich sind und es ihnen angenehm gestalten. Nicht unbedingt der Billigste wird gewinnen, trotz der Preistransparenz, sondern der, der für seine Kunden und Noch-Nicht-Kunden besonders relevant ist und ihnen den besten Service bietet.




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