Interview: Wohin geht’s im Personalmarketing?


Till Kammerer, beruflicher Berater (Schwerpunkt E-Recruiting), Research Assistant und Autor

Der Arbeitsmarkt im Wandel: Die demographische Entwicklung zieht Veränderungen nach sich und lässt aus dem Arbeitgebermarkt langsam einen Arbeitnehmermarkt entstehen.
Welche Rolle dies fürs Personalmarketing spielt und worauf Unternehmen bei der Personalbeschaffung besonderen Wert legen sollten, soll unser folgendes Interview verdeutlichen.

Wir sind im Gespräch mit Till Kammerer, beruflicher Berater und Fachmann für E-Recruiting, der uns spannende Einblicke in die aktuelle und zukünftige Entwicklung des Personalmarketings gewährt.

marketingshop.de: Wie hat sich die Bedeutung des Personalmarketings in den letzten Jahren verändert?

Till Kammerer: Wir sehen den schleichenden Beginn eines Wechsels vom Arbeitgeber- zum Arbeitnehmermarkt: Der „war for talents“, von vielen schon vor vielen Jahren und seinerzeit vielleicht noch etwas verfrüht „gehypt“, wirft nun sichtbare Schatten voraus.
Ein Beispiel: Seit 2006 gehen in Deutschland jährlich zum ersten Mal mehr Menschen in Rente, als neue Fachkräfte aus den unterschiedlichen Ausbildungen auf den Markt nachkommen. Voll erwischt hat es dabei bereits den Ausbildungsmarkt, aber der Arbeitsmarkt wird nachziehen. In Hamburg haben Sie schon heute eine Relation von durchschnittlich 0,7 Bewerbern auf 1 freie Ausbildungsstelle.

Um sich in dieser demographischen Situation seine Fachkräfte von morgen zu sichern (übrigens nicht nur die so oft erwähnten Akademiker), müssen Unternehmen viel stärker als bisher aufs Personalmarketing setzen.

marketingshop.de: Warum spielt Multimedia im Bereich Personalmarketing eine immer größere Rolle? (multimediales Personalmarketing)

Till Kammerer: Das liegt an der skizzierten demographischen Situation: Es muss künftig jeder Channel zur Ansprache von Potentials genutzt werden. In den vergangenen Jahren war oft davon die Rede, dass Unternehmen ihre Bewerber immer genauer unter die Lupe nehmen, sie etwa über Google prüfen (Suche nach peinlichen Party-Photos). Ich glaube, künftig werden im selben Maße Kandidaten „ihre“ Unternehmen stärker prüfen. Schlicht deshalb, weil sie es sich immer mehr werden aussuchen können, wem sie ihre Arbeitskraft verkaufen.

marketingshop.de: Welche Möglichkeiten sollten Unternehmen hier nutzen?

Till Kammerer: Multimediale Optionen sollten das Personalmarketing, aber auch das Employer Branding unterstützen. Das Image ist wichtig, nicht nur Gehaltsperspektiven locken.

Neben Klassikern wie Unternehmenspräsentationen in Video-Form auf der corporate site, sind „Website-Ableger“ auf Social Community-Seiten ein neuer Weg, den bereits viele, vor allem größere Unternehmen nutzen: Viele Firmen tummeln sich schon auf Seiten wie Facebook oder zwitschern auf Twitter mit.

Bewerber können sich auch schon bei manchen Arbeitgebern oder Jobbörsen registrieren und sich per SMS Informationen schicken zu lassen: über neue Jobs oder den Berufsalltag im Unternehmen. Alternativ kann man den so genannten QR-Code nutzen: Firmen drucken diesen zweidemensionalen Code auf Plakate oder in Flyern. Ein Bewerber muss ihn nur noch abfotografieren und erhält anschließend Job-Informationen direkt auf sein Handy.

marketingshop.de: Wieviel Raum nimmt das Thema Social Media im Bereich Personalmarketing ein und welche Bedeutung messen Sie dem bei? Haben Sie konkrete Tipps für Unternehmen?

Till Kammerer: Viele, vor allem Großunternehmen, sind schon auf Facebook und Co. zu finden. Letztlich werden Sie aber immer auch Unternehmen haben, die da ein wenig die Nase rümpfen. Die hochrangige Personalverantwortliche eines westdeutschen Stahl- und Rüstungsunternehmens sagte kürzlich einmal auf die Frage, ob sie sich eine „Unternehmens-Vertretung“ auf Facebook vorstellen könne: „Wir sind kein Kumpel.“ Auch eine Einstellung – zumindest bis System-Ingenieure, Industrie-Isolierer und Gerüstbauer knapp werden.

Externe „Personalabteilungen“, also Personalberatungen, kann ich mir heute schon nur schwer ohne eine aktive Einbindung von Online-Medien in den Search-Prozess vorstellen: Wer etwa im Bereich Executive Search arbeitet, für den ist ein Business-Netzwerk wie Xing doch fast schon „täglich Brot“.

Ich glaube daher, dass sich auch der Social Media-Trend nicht mehr in der Breite ignorieren lässt, seitens des Corporate Personalmarketings. Ausnahmen mögen Branchen sein, in denen ein Überangebot an Arbeitskräften herrscht oder zumindest kein Mangel.
Übrigens: Auch immer mehr Mittelständler twittern! Das ist längst keine exklusive Domäne von Deutscher Bahn, Deutscher Bank und Co. mehr.

marketingshop.de: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung auf dem Gebiet Personalmarketing / Recruiting ein, wohin geht der Trend?

Nutzung aller und zusätzlich erschließbarer Kanäle. Und mit der demographischen Begründung.
Wobei: Es ist ja nicht nur die viel zitierte Bevölkerungsentwicklung. Ein weiterer Trend ist doch die Digitalisierung. Das Netz-Medium genießt immer höhere Akzeptanz. Ich glaube, dass es einem High Potential irgendwie seltsam vorkommt, wenn das einzige Medium seiner werbenden Ansprache die Schwarz-Weiß-Anzeige in der Tageszeitung ist. Und da sind wir wieder beim eingangs genannten Thema: Auch Bewerber, gerade qualifizierte und gesuchte, werden sich „ihre“ Arbeitgeber immer genauer ansehen.

Und in technischer Hinsicht sind uns doch mittel- bis langfristig ohnehin keine Grenzen gesetzt: Ich bin mir sicher, dass die Handy-Bewerbung kommen wird.

Zur Person:
Till Kammerer, Jahrgang 1974, lebt und arbeitet als beruflicher Berater (u. a. mit Schwerpunkt auf E-Recruiting) und als Research Assistant in einer Unternehmensberatung in Hamburg. Er ist Autor mehrerer berufskundlicher Fachbücher.

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